Buchzusammenfassung: „Kultur und Evangelium“ von Paul G. Hiebert

Bestehende kulturelle Bräuche
In den letzten Wochen konfrontierte uns Gott immer wieder mit einem sehr wichtigen Gedanken. In Vorlesungen, Begegnungen mit Missionaren, Gesprächen und in Büchern wies Er uns immer wieder darauf hin, dass wenn wir als Christen das Evanglium anderen Völkern bringen – oder es Menschen in Deutschland erzählen, die aus anderen Kulturen kommen, dann haben wir es nicht mit einem „religiösen Vakuum“ zu tun. Sondern wir begegnen Menschen mit Traditionen, die ihre Wurzeln in fest verankerten Wertesystemen und religiösen Überzeugungen haben. Diese Traditionen, die die Kultur zum Ausdruck bringen, können im Gebrauch gewisser (alltäglicher) Gegenstände liegen, oder von Sprichwörtern, Liedern und Überlieferungen. Die Traditionen können in Riten bestehen, die wichtige Lebensabschnitte einleiten z.B. Geburten, das Erwachsen Werden, Heiraten und Sterben. Traditionen sind in Jahreszyklen zu finden, in Festen, Jahrmärkten und Wallfahrten. Genauso wie Juden Feste, Riten, Gegenstände etc. haben, so haben sie auch Christen und andere Völker, die dadurch ihre Traditionen und ihre Kultur zum Ausdruck bringen.

Das vorliegende Büchlein von 50 Seiten, ein Auszug aus Paul G. Hieberts „Anthropological Insights for Missionaries“ (frei übersetzt „Anthropologische Einsichten für Missionare“) zeigt zuerst eine Reihe solcher Traditionen aus verschiedenen Kulturen auf, um dann die Frage zu stellen: Wie ist mit diesen Traditionen umzugehen, wenn ein Mensch Christ wird?

Sind kulturelle Traditionen ungeprüft abzulehnen?
Sollte alles aus der bisher erlebten Kultur dieses Menschen oder der Volksgruppe verworfen oder gar verboten werden? Das würde die Ablehnung der Kontextualisierung des Evangeliums bedeuten und wurde früher oft von Missionaren im Alleingang entschieden und umgesetzt. Sie lehnten alles pauschal als schlecht und „heidnisch“ ab, ohne sich mit der ihnen unbekannten Kultur auseinander zusetzen. Dies führte dazu, dass das Christentum missverstanden wurde. Als Beispiel führt der Autor Missionare in Indien an, die das Tragen roter Saris für Bräute ablehnten, da dies eine hinduistische Tradition war, und weiße Saris einführten, um Reinheit zu symbolisieren. Dabei merkten sie aber nicht, dass rot für die Menschen Fruchtbarkeit symbolisierte und weiß Unfruchtbarkeit und Tod. (Wie würden wir in Deutschland darauf reagieren, wenn man plötzlich in Schwarz zu heiraten hätte?) Das gleiche passierte, wenn früher traditionelle Instrumente durch Orgeln ersetzt wurden, zwischen Gras- und Lehmhütten der Einwohner „fremdartige“ europäische Kirchengebäude gebaut wurden und Krichenbesuchern trotz hohen Temperaturen statt ihrer leichten traditionellen Kleidung das Tragen von Anzügen vorgeschrieben wurde. So wurden die Neubekeherten zu Fremdlingen in ihrem eigenen Land.
Zudem führte es oft dazu, dass die verbotenen Riten im Untergrund weiter lebten, oder spätestens in der zweiten Generation wieder auflebten und zu einer Spannung oder Vermischung zwischen dem Evangelium und der alten Kultur führten. Dies sieht man z.B. in Afrika, wo die katholische Verehrung der Heiligen sich mit den afrikanischen Stammesreligionen zu neuen Formen der Geisteranbetung verband. Denn die Verdrängung geht nicht einher damit, dass die zum Glauben gekommenen Menschen die Verdrängung bejahen und es braucht folglich immer einen Aufpasser, quasi einen Polizisten, damit das alte nicht an die Oberfläche kommt, und die Gläubigen finden nicht zur Mündigkeit im Glauben.

Sollten bestehende Traditionen ungeprüft übernommen werden?
Oder sollte alles aus der alten Kultur kritiklos übernommen werden? Das würde zur unkritischen Kontextualisierung führen, deren Befürworter einen tiefen Respekt vor anderen Menschen und deren Kultur haben und das Problem erkennen, dass die Fremdheit des Evangeliums eine der größten Hindernisse darstellt. Sie schlagen vor die Veränderungen im Leben Neubekehrter auf ein Minimum zu reduzieren. Doch hat dieses Vorgehen zwei große Schwächen. Zum einen finden sich, genauso wie im persönlichen Bereich, so auch in gesellschaftlichen, kulturellen und institutionellen Systemen Sünde, wie z.B. Sklaverei, Tyrannei und Säkularismus. Das Evangelium fordert den Einzelnen und auch die Gesellschaft und Kultur zur Veränderung auf und dies ist den Neubekehrten sehr wohl bewusst, weshalb viele von Ihnen alte Riten und Gebräuche selbst lassen wollen. Dies ist nicht zu verwechseln mit einem von außen auferlegten Verbot!
Zum anderen werden so Türen für jede Art der Vermischung und des Neuheidentums geöffnet. Natürlich bringen Neubekehrte viele alte Denkweisen und Traditionen mit, doch wachsen sie nach und nach im Glauben und werden vom Wort und Geist Gottes dazu geführt sich und ihr Leben immer wieder im Licht der biblischen Wahrheit zu prüfen.

„Prüft alles und das Gute behaltet“ (1. Thess 5,21)
Da die beiden bisher beschriebenen Wege die Missionsaufgabe untergraben, schlägt der Autor vor, den Weg der kritischen Kontextualisierung zu gehen. Bei diesem dritten Weg verlassen sich der Missionar und die Neubekehrten auf die Kraft des Wortes Gottes und die Leitung des Heiligen Geistes. Hierbei wird weder altes ungeprüft abgelehnt, noch ungeprüft übernommen, sondern die Bedeutung von Traditionen und ihr Platz in der Kultur werden erst untersucht und dann im Licht der Bibel bewertet.
1) Dies beginnt damit, dass ein Einzelner oder alle Gläubigen vor Ort den Bedarf erkennen sich in allem an der Bibel zu orientieren. Dieser Bedarf wird erkannt, wenn die neue Kirche z.B. mit einer Hochzeit, Geburt oder einem Todesfall konfrontiert wird oder der Wunsch aufkommt kulturelle Bräuche zu überprüfen. Auch unsere Gemeinden sollten stets kritisch prüfen, wenn es darum geht aus der Kultur und Gesellschaft um uns herum Unterhaltungsprogramme, Musikstile, Verhaltensweisen, wirtschaftliche Strukturen etc. zu übernehmen. Die Bibel und der christliche Glaube rufen uns zu einem veränderten Leben und neuen Überzeugungen auf.
2) Wird nun der Bedarf erkannt, soll die einheimische Kirchenleitung und der Missionar die Gemeinde so anleiten, dass sie die betreffenden Bräuche genau untersuchen, d.h. jeden Tanz, Ritus, jedes Lied und jeden Beitrag, um die alten Wege zu verstehen. Hier geht es noch nicht um Bewertung und es sollte keine Kritik geübt werden, damit alle ihr Verständnis offen ausdrücken können ohne Angst, verurteilt zu werden, damit die alten Bräuche aufgearbeitet werden statt sie in den Untergrund zu treiben.
3) Als nächstes sollte der Pastor oder Missionar die Gemeinde zum aktiven Bibelstudium bezüglich der entstandenen Frage anleiten, also bzgl. Hochzeiten, sollte die biblische Ansicht zur Ehe untersucht werden, damit jeder ein klares Verständnis der biblischen Wahrheit dazu bekommt.
4) Nun kann die Gemeinde den alten Brauch im Lichte ihrer neuen biblischen Erkenntnis kritisch bewerten und entscheiden, wie damit weiter zu verfahren ist. Diese Entscheidung muss von der Gemeinde getroffen werden, denn nicht nur die Leiterschaft, sondern die Gemeinde muss von den notwendigen Veränderungen überzeugt sein. Dann sind auch keine „Polizisten“ nötig und Bräuche, die der Bibel widersprechen, werden nicht heimlich weiter betrieben.

Alte und neue Bräuche
Alles, was der Schrift nicht widerspricht, kann beibehalten werden, und auch hier im Westen gleicht das Leben eines Christen in vielen Bereichen denen der Nichtchristen, oder konnte z.T. aus seiner vor-christlichen Vergangenheit übernommen werden. Manche Bräuche, die im Widerspruch zur Schrift stehen, wird die Gemeinde entweder ganz ablehnen oder sie anpassen, um ihnen eine ausdrücklich chrsitliche Bedeutung zu geben. Statt manche Bräuche nur zu streichen, kann es sein, dass sie sie durch christliche Riten aus einer andern Kultur, z.B. Beerdigungsriten des Missionars, ersetzt, was manchmal besser sein kann, als den Brauch gänzlich entfallen zu lassen. Natürlich wird die Gemeinde auch bewusst biblische Rituale übernehmen, wie z.B. Taufe und Abendmahl, die ihrer Kultur bisher fremd waren und durch welche sie die Verbundenheit mit der Geschichte der Christenheit und der weltweiten Kirche ausdrückt. Denn alle Christen leben mit zwei Traditionen, der der eigenen Kultur und der der christlichen Traditionen.

Die Rolle des Missionars
Bei dem Prozess der kritischen Kontextualisierung ist es wichtig, dass die Gemeinde diese Entscheidungen fällt, da die einheimischen Christen den besseren Einblick in ihre Kultur haben, als der Missionar. Der Missionar sollte natürlich nachfragen an Punkten, an welchen die Gläubigen ihre kulturellen Prämissen nicht klar sehen. Der Schwerpunkt des Beitrags des Missionars liegt darin die Gemeinde zum aktiven Bibelstudium anzuleiten und ihr zu helfen zu lernen die biblischen Wahrheiten auf ihr Leben und ihre Kultur anzuwenden.
Letztendlich soll der Missionar, soweit es mit dem Gewissen vereinbar ist, die gefällte Entscheidung mittragen, auch wenn er sie – mangels Einblick in die Kultur – nicht völlig nachvollziehen kann. Denn die Gemeinde wird auch durch den Heiligen Geist angeleitet und wird, selbst wenn sie Fehler macht, mehr durch bewusste Entscheidungen wachsen, die sie auf Basis des Wortes Gottes trifft, als wenn sie nur Befehlen folgt.

Lebendige christliche Bräuche
Die so angepassten oder neu eingeführten Bräuche werden christlich sein, weil sie die biblische Lehre ausdrücken, und sie werden einheimisch sein, weil sie für die Menschen im Kontext ihrer eigenen Kultur verständlich sind. Es ist wichtig den Kindern und Neubekehrten die Bedeutung der christlichen Rituale zu vermitteln, damit sie nicht zu einer leeren Form verkommen, sondern lebendige Symbole bleiben, die ständig durch biblische Prüfung erneuert werden können.